Advent 2021

 Einlassen auf die Stille, Konzentration auf das Wesentliche.

"Außerhalb der Meinung der anderen gelangen" - dieser Handke Satz aus dem "Gewicht der Welt" belebt mich. Den ruhig besonnten Begegnungsraum schaffe ich - in mir - zwischen den ziehenden Gedanken. 1. Dezember

Was bleibt hängen, verfängt sich im Gedächtnis? Hoffende Spuren, die von innen wärmen. Die Handreichungen, die dem Alltag, ein Lächeln entlocken. 2. Dezember 

Hineinspüren, was bewegt mein Inneres? Vertrauen in das Lebendige, bringt Licht in die Dunkelheit. Wach  werden, aus der Enge heraustreten. 3. Dezember

Die Fensterbank, Schnee bestaubt. Aus dem Fenster blickend, den Vögel zuschauen, die sich ihre Samen, Kerne holen. Manche zwitschern. Das schafft Raum für die Stille - gedankenfrei. 4. Dezember

"Dies ist keine Welt der Bestätigung von Wahrheiten, sondern eine Welt der Widerlegung von Irrtümern. Aber es gibt die Welt, und es gibt auch die Wahrheit; nur Sicherheit über Welt und Wahrheit kann es nicht geben. Das ist kritischer Realismus." Karl R. Popper 5. Dezember  

Mit dem Schnee zerflossen "ge-mein" an "ein-sam" geschmiegt. Außer den Gewohnheiten, das Fallenlassen in Stimmungen hinein, was ist "mein"? Hüterin der einfallenden Gedanken werden. 6. Dezember

Schweigend nach innen schauen. Angespanntes Gewirr von Gefühlen, Stimmungen. Was davon wird nach außen weitergegeben - in Blicken, Worten und Gesten? 7. Dezember

In die Gedankengänge schauend: von was und wie werden sie gelenkt? Von welchen Einflüssen werden sie gesteuert? Mit wem oder was die gefühlte Verbundenheit oder Abgetrenntheit? 8. Dezember

Sich zu einem am Boden liegenden Menschen niederbücken, ihm die Hand reichen. Mit Hoffnung geknüpfte Demut. 9. Dezember  

Nach dem dritten Stich in den Oberarm, arbeitet der Impfstoff in der Muskulatur. Die Signale des Körpers weisen auf die Verästelung hin, das Bild eines weitverzweigten Baums fühlen, inwendig. 10. Dezember 

Baustellen, der darauf fokussierte Blick. Staub atmet mich. Darunter geschichtet Erinnerungen aus Atemnächten. Grenzstation.
11. Dezember

Den Vögel zuschauen. Ab und an hinterlassen sie eine Feder, die ich mitnehme wie sie Körner, Samen aufpicken. Beim Fortfliegen begleiten sie gute Gedanken, die ich hüte, verstreue, ernte. 12. Dezember 

Ernesto Castillo danke ich für "Augentrost". Szenen aus Null rütteln wach, bergen Sprengsätze fürs innerliche Aufwärmen in langen Dezembernächten. Dem Nicht-Verstehen nachspürend weiten sich die Augenränder, kippen bevor sie zusammenfallen. 13. Dezember 

Meinungen, Kommentare aus verschiedenen Richtungen, geformt von der sich unterscheidenden Grammatik einer Sprache mit Gefühlen unterlegt. Abstand, Pause. Maske auf. Der Zug fährt ab. 14. Dezember 

Angst, eine dem eigenen Alltag fremde Welt zu berühren. Durch die Berührung schmolz die Angst, ein teilnehmendes Mitgefühl hielt Einzug. Danke, Elijah! 15. Dezember    

Durch ein Nadelöhr mit allen Sinnen - von der Außen- in die Innenwelt - schlüpfen. Das Echo bleibt draußen, schweigend breitet sich innen ein Lächeln aus. 16. Dezember 

Das Hineintreten in die Stille, mitten im Dezember. "Hier gibt's Futter" zwitschern die Vögel einander zu. Der Blick erfasst was noch blüht, nächtlichen Minusgraden trotzend. 17. Dezember 

Was blieb von all dem Schnee von gestern? Jene Zeit, die wir einander schenkten, zugeneigt, hoffend: innere Einkehr. 18. Dezember 

Einfallende Erinnerungen durchbrechen die Herzscheide. Raum für die Trauer weiten. Blick meinerweits zulassen. 19. Dezember 

Auf- und abfahrende Stimmungen. Bodenlos beschrieb Hana den Himmel "Nebe nemá dno". 20. Dezember 

Warn- und Schutzfunktion von Lichtsignalen, setzen sich übers Auge im Herzen fest. Funkenschlag des Körpers an die Seele "achtsam".
21. Dezember

Bewegt von den Wellen, die von außen nach innen stürmen. Zeitverknüpfte Bindungen lösen. Licht Materie.  22. Dezember 

Tschechische Spurensuche: der Brief des Urgroßvaters verweist auf das Jahr 1913, wo er seinen Dienst als Oberheger der Schwarzenberg'sche Forste in Křišťanov (Böhmerwald) antrat. 23. Dezember  

Um 8.30 Uhr im Jahr 1992 im Kreißsaal des Krankenhauses Apolináře, Prag 2, wird die Nabelschnur getrennt. Die aufgehende Sonne, tiefrot. Nächtens war Schnee gefallen. 24. Dezember