Innehalten


In 1200 Meter Seehöhe  wurde mir Dank der Einladung einer Herzensfreundin ein Wunsch erfüllt: eine Woche innere Klausur, ohne Anbindung an das digitale Netz, die Nachrichtenwelt. 

Eine junge Labradordame hat mir zuweilen Gesellschaft geleistet, drei Bücher, ein Notizheft, die Kamera haben mich begleitet. Der inneren Stimme gefolgt, Vergangenes aufgearbeitet, das eine oder andere losgelassen, verabschiedet. Mich auf den Weg einlassen - intuitiv, ohne Plan.  Das Gewordensein - rückblickend auf 64 Jahre - annehmen und mir vor Augen führen, mein Verhalten - zum Leben, den Menschen, den Dingen. Diesen Blick von außen, die Umgebung miteinbeziehend, mitnehmen in den Alltag.

Juli 2021, Augnerin


Marlen Haushofer

Die Wand

Juli 1991 dtv - Erstveröffentlichung 1968, Claasen Verlag

"Ich habe zweieinhalb Jahre darunter gelitten, daß diese Frau so schlecht ausgerüstet war für das wirkliche Leben. Heute noch kann ich keinen Nagel richtig einschlagen, und der Gedanke an die Tür, die ich für Bella aufbrechen will, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Natürlich war nicht damit zu rechnen, daß ich einmal Türen ausbrechen müßte. Aber ich weiß auch sonst fast nichts, ich kenne nicht einmal die Namen der Blumen auf der Bachwiese. Ich habe sie im Naturgeschichteunterricht nach Büchern und Zeichnungen gelernt, und ich habe sie vergessen wie alles, von dem ich mir keine Vorstellung machen konnte. Ich habe jahrelang mit Logarithmen gerechnet und habe keine Ahnung, wozu man sie braucht und was sie bedeuten. Es ist mir leichtgefallen, fremde Sprachen zu lernen, aber aus Mangel und Gelegenheit lernte ich sie nie sprechen, und ihre Rechtschreibung und Grammatik habe ich vergessen. Ich weiß nicht, wann Karl VI. lebte, und ich weiß nicht genau, wo die Antillen liegen und wer dort lebt. Dabei war ich immer eine gute Schülerin. Ich weiß nicht; an unserem Schulwesen muß etwas nicht in Ordnung gewesen sein. Menschen einer fremden Welt würden in mir die Geistesschwäche meines Zeitalters sehen. Und ich glaube zu wissen, daß es den meisten meiner Bekannten nicht besser erginge.
Ich werde nie mehr eine Möglichkeit haben, diese Mängel auszugleichen, denn selbst wenn es mir gelingen sollte, die vielen Bücher zu finden, die in den toten Häusern aufgestapelt sind, werde ich nicht mehr dazu fähig sein, das Gelesene zu behalten. Als ich geboren wurde, hatte ich eine Chance, aber weder meine Eltern, meine Lehrer noch ich selbst waren imstande, sie wahrzunehmen. Jetzt ist es zu spät. Ich war in meinem ersten Leben ein Dilettant, und auch hier im Wald werde ich nie etwas anderes sein. Mein einziger Lehrer ist unwissend und ungebildet wie ich, denn ich bin es selbst.

...
Die Himbeeren waren gerade reif geworden, und ich pflückte einen großen Eimer voll und trug ihn heim. Da ich keinen Zucker hatte und nicht einkochen konnte, mußte ich die Beeren sofort aufessen. Jeden zweiten Tag ging ich in den Schlag. Es war die reinste Glückseligkeit; ich badete in Süßigkeit. Die Sonne brütete auf den reifen Früchten, und ein wilder Duft von Sonne und gärenden Früchten hüllte mich ein und berauschte mich. Es tat mir leid, daß Luchs nicht bei mir war. Manchmal, wenn ich mich von einem Busch erhob und meinem Rücken streckte, überfiel mich das Wissen, allein zu sein. Es war nicht Furcht, nur Beklommenheit. Im Himbeerschlag, ganz allein mit dornigen Stauden, Bienen, Wespen und Fliegen, begriff ich, was Luchs für mich war. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Aber in den Himbeerschlag nahm ich ihn niemals mit. Immer noch verfolgte mich der Gedanke an Kreuzottern. Ich konnte Luchs nicht einer solchen Gefahr aussetzen, nur um mich in seiner Nähe behaglich zu fühlen.
Erst viel später, auf der Alm, sah ich wirklich eine Kreuzotter. Sie lag auf einer Geröllhalde und sonnte sich. Von da an fürchtete ich mich nie mehr vor einer Schlange. Die Kreuzotter war sehr schön, und als ich sie so liegen sah, ganz der gelben Sonne hingegeben, war  ich sicher, daß sie nicht daran dachte, mich zu beißen. Ihre Gedanken waren weit weg von mir, sie wollte nichts als in Frieden auf den weißen Steinen liegen und in Sonnenlicht und Wärme baden. Immerhin war ich froh, daß Luchs damals zurückgeblieben war. Ich glaube aber nicht, daß er sich der Schlange genähert hätte. Ich habe nie bemerkt, daß er eine Schlange oder Eidechse angriff. Manchmal wühlte er nach einer Maus; in dem steinigen Boden gelang es ihm aber selten, eine zu erwischen.
Die Himbeererente dauerte zehn Tage. Ich war faul, saß auf der Bank und steckte eine Beere nach der anderen in den Mund. Er wunderte mich, daß mein Fleisch noch nicht zu Himbeerfleisch geworden war. Und dann, ganz plötzlich hatte ich genug. Es wurde mir nicht übel, ich hatte nur genug von der Süßigkeit und dem Himbeerduft. Die letzten zwei Eimer voll Beeren preßte ich durch ein Tuch, füllte den Saft in Flaschen und stellte die Flaschen in den Brunnentrog, wo das Wasser auch im Sommer eiskalt blieb. So süß die Beeren waren, der Saft schmeckte säuerlich und erfrischend, und es tat mir leid, daß er nicht unbegrenzt haltbar war. Ich habe es nie versucht, aber ohne Zucker hätte der Saft wohl auch im Brunnen zu gären angefangen. Da ich keine festen Verschlüsse besaß, konnte ich auch nicht in Dunst einkochen. Mein Hunger nach Süßigkeiten war zunächst einmal gestillt, und im Lauf der nächsten Monate hielt er sich immer in erträglichen Grenzen. Heute leide ich überhaupt nicht mehr unter ihm. Man kann sehr gut ohne Zucker leben, und der Körper verliert mit der Zeit das süchtige Verlangen nach ihm.
Als ich zum letzten Mal im Schlag war, brannte die Sonne besonders heiß auf meinen Rücken herab. Der Himmel war noch wolkenlos, aber fast bleigrau, und die Luft lag heiß und dick wie ein Brei über den Sträuchern. Es hatte vierzehn Tage nicht geregnet, und ich mußte ein Gewitter fürchten. Bisher war ich von heftigen Gewittern verschont geblieben, aber ich hatte ein wenig Angst davor, weil ich wußte, wie wild sie im Gebirge sein können. Mein Leben war auch ohne Naturkatastrophen schon schwierig und mühevoll genug."

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