Stil(l)empfinden

Eine Blume, ein Tuch, ein Lächeln und der Mut, ihrem Stil treu zu bleiben bei jeglichem Tun.


Das und vieles mehr kommt mir in den Sinn, wenn ich an H. denke. Das erste Mal sah ich sie im April 1991* das Treffen vermittelt von einem Leiter einer damals in Prag ansässigen Fluggesellschaft. Ich war auf der Suche nach einer Mitarbeiterin. Ihre Muttersprache Tschechisch, Deutsch fließend in Wort und Schrift, Englisch, Spanisch und ich glaube im Moment lernt sie wieder Italienisch.


Im Jahr 2021 wo das Stilempfinden von Influenzerinnen geprägt wird, denen ich auf Rücksicht auf meinen eigenen Geschmack nicht folge, ist jedes Treffen mit H. eine Wohltat. Das wahrscheinlich einzig Durchschnittliche an dieser Dame ist ihr Einkommen. Die ihr zur Verfügung stehenden Mitteln setzt sie mit Bedacht und Können in Eleganz um - sei es in puncto Kleidung, Wohnung, Gestaltung von Ausflügen, der Besuch von Konzerten, Ausstellungen oder der Wahl von Treffpunkten.


Wir haben nicht ganz zehn Jahre zusammengearbeitet. Ich konnte mich auf sie verlassen, bedingungslos. Sie hatte um sich ein feines Netz gesponnen, das war ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit und sie hatte großes Organisationstalent und einer ihrer Trümpfe war die schnelle Improvisation wenn es die Situation erforderte. Privat blieben wir nachdem ich den Arbeitgeber gewechselt hatte in Kontakt.


Vor kurzem, es war an ihrem 73. Geburtstag wieder so ein wunderbares Treffen. Sie schickt mir den Treffpunkt, den Namen der Busstation, die Abfahrtszeit. Weiße Hose, eine dezente Bluse mit feinem Blumenmuster, weißes Tuch, dazu passend die Halskette, Uhr, Ring, Handtasche. Eine an ihr feines Gesicht angepasste Kurzhaarfrisur, die Haare tiefschwarz, die Lippen in dezentem Rot. Kerzengerader Schritt - den sie ihrer Disziplin verdankt. Wir fahren mit dem Bus Richtung Zentrum. Steigen nach einigen Stationen aus und gehen zu Fuß weiter. Gehen durch einen unscheinbaren Hinterhof und auf einmal fühle ich mich in den Süden versetzt. Ein nach oben offenes Tropenhaus, überall Pflanzen, den Wänden entlang und aus Balken wurde ein Gespinst geschaffen, daran hängend Pflanzen. Zwischen den Pflanzen Bänke, Sitzecken mit Tischen, eine Schaukel. Gut besucht von Menschen, die hier wohnen, an einem Tisch zwei Frauen, die führen ihren Papagei aus. Kinderwagen-Menschen, Zeitungsleser. Eine Oase und insgeheim der Wunsch, das solle so bleiben. Das ist auch was uns verbindet: Geheimtipps werden nicht ausgeplaudert. Das fördert die Neugierde, selber etwas zu entdecken, dort für sich zu bleiben und sich immer wieder überraschen lassen.

Das ist für mich Kultur, frei von dem vermarkteten Eventtrends die von Szenengestalterinnen diktiert werden. Danke liebe H. ich freue mich auf unser nächstes Zusammensein, deinen Kunstsinn gepaart mit Lebensmut.


AUGnerin, 4. August 2021, Prag

*1991 wurde die erste Webseite ins Netz gestellt, von Timothy John Berners-Lee (* 8. Juni 1955 in London)  einem britischen Physiker und Informatiker. Er ist der Erfinder von HTML (Hypertext Markup Language) und der Begründer des World Wide Web.