Die Hornissen: 1966, 2021

11.04.2021

55 Bücherjahre

"Die Hornissen" ein Geschenk des Bruders, Anfang der 70er Jahre. Wie es im Buch steht, Erstauflage 1966. Der Roman beginnt auf Seite 7 mit dem Satz "Damals, sagte mein Bruder, sei ich vor dem Ofen gesessen und hätte in das Feuer gestarrt.

Das
Einsetzen
der
Erinnerung"

"Mein Tag im anderen Land", Erstauflage 2021 setzt beim Lesen, sätzeweise, das Kopfkino ein. "Das habe auch, so mein Schwesterherz, in jedem Moment, da ich, außerhalb 'meines' Friedhofs, der Bevölkerung 'ins Bild gerückt sei', in der Tat ganz so den Anschein gehabt. Wo es vorher vielleicht an mir etwas zu belächeln gegeben habe: ausgelächelt."


In meinem von Erinnerungen gespeisten Kopfkino verschmelzen die Person des Autors und die meines Bruders ineinander. Die beiden sind einander nie begegnet, allein in meinen Gedanken, wandern ihre Sätze mit mir. "Da mir die üblichen Jahresmahnungsformulare auf sonderliche Weise abhanden kamen, benutze ich ein gedrucktes Gemälde meines Freundes Serge / genauer die Rückseite desselben / Dir alles ... zum ... (dann irgendwo zwei unmittelbar aufeinanderfolggende 3er) Geburtstag zu wünschen. Glück und Freude sind nicht buchbar und / oder kaufbar, allein ein Einklang aus Natur und Dirselbst vermag jene zu erzeugen. So wünsche ich, daß Du jenen Einklang für Dich erreichst. 4.8.1990, Mahe, Seychelles"


Das
Aussetzen
der
Erinnerung
Wieder ein anderes Mal sah ich meinen Bruder über ein vereistes Schneefeld gehen. Die obere Fläche des Schnees wird tagsüber vor einer starker Sonne oft geschmolzen; der Frost in der folgenden Nacht verharscht das Schneefeld mit Eis; die folgende Sonne weicht mancherorts die Schicht mit dem Rauhreif zu einem Glast. Der über das Schneefeld geht, wird achten, unbeschwert mit leichten Füßen zu gehen; unter dem Glast ist die Eisschicht noch hart. Er wird darauf sehen, nicht aus dem geordneten Ablauf der Bewegungen zu fallen, in den er mit dem Anfang seines Gehens gestiegen ist. Wenn er aus dem Schritt kommt, zeitigt dies sein Einbrechen; wie er angefangen hat zu gehen, so ist er gefangen, fortzugehen. Hält er ein, so wird sein plötzliches Gewicht ihn durch die Decke stoßen; fällt er in einen Lauf, so wird auch dann die Wucht des Schritts ihn durch die Eisschicht treten lassen. Damit die Schwerkraft des Körpers an allen Stellen die gleiche sei, wird er vor dem Gang all seine Lasten von sich tun. Die ersten Schritte hinterlassen nur den platten Abdruck seines Schuhs im Reif. Er hat die Ordnung der Bewegungen gefunden, die ihn herausführt. Wenn er gerufen wird, darf er nicht halten oder Antwort geben. Als ich ihn anrief, brach er ein. Als er den linken Fuß herauszog, brach zusehends auch der linke ein. Als er in Lauf lief, brach er beidseits ein. Unter der Eisschicht ist der Schnee aus dichtem Staub.


Seite 276, 277
Peter Handke
Die Hornissen

Suhrkamp Verlag, 1966


Letzte Nacht hatte ich einen Traum, wo ich zurück war in meiner Nische auf dem einstigen Steppenfriedhof. Es war daraus ein Verschlag geworden, oder bloß eine einzige Bretterwand. An der hing ein Spiegel, ein prächtiger, wie frisch geputzt. Als ich davortrat, erschrak ich nicht bloß — es packte mich ein Grauen: Ein Fremder schaute mich an, ohne die geringste Ähnlichkeit mit mir, ein so völlig Unbekannter wie eben nur ein Unbekannter im Traum. Doch mit dem ersten Wimpernzucken wich das Grauen einem Staunen, und aus dem Staunen wurde Zutrauen. Denn so gar nichts von glühenden Augen, gesträubten Haaren, geblähten Nüstern. Ein so müder wie sanfter Mann blickte mir entgegen, von dessen Lippen ich erst einmal ablas: 'Keine Angst.' Dazu im Spiegel ein Hintergrundleuchten wie das von unbekannten Sternen- und Planetensystemen im Universum.

Für eine Traumzeit beiderseitiges Schweigen, samt Nachtwindrauschen in einem einzigen Steppenbaum, das sich wie ein Einflüstern anhörte. Darauffolgend das weitere Lippenablesen, von dem ich mich, Satz um Satz, Ruck um Ruck, angestupst fühlte wie einstmals beim Schwimmen in einem Gebirgsfluß von den Lippen, dem Maul einer Forelle, hinten in den Kniezehlen, hauchzart, ein Friedenswerk, wenn je ein Werk: 'Gesellschaftswesen, schon recht. Aber bist du nicht auch noch ein grundanderes Wesen, ärmer und so viel reicher? Und schon reicht, dein Harmonisches, deine Harmonien beim 'Sich in die Kurve des Daseins legen', beim 'Dasein perlen lassen' im 'Sein, dem Freudenstoff'. Aber wo ist das Widerständige, wo ist der Widerstand geblieben, der Teil deines Naturwesens ist, des ungesellschaftlichen, auch nicht zu vergesellschaftenden, zeitweise gar geselschaftsfeindlichen? Ja, wo ist er geblieben, ein Widerstand, nicht bloß als Teil — als Kernstück deiner Natur, und das zum Glück, und zum Glück nicht allein für dich!? Mag ja sein, dieser Widerstand, das unausrottbar Widerständische im Wesen ist eine Krankheit, aber die ist auch gesund, und macht gesunden, und, wieder zum Glück, nicht allein dich. Ohne ihn, ohne sie, ohne es WIRD nichts. Ohne es, ohne ihn, nichts als Dasein, und Dortsein, und ewig seelenloses Sein. Werden! Werden! Mit mir, mit dir ist etwas los! Zwischen dir und mir geht es hoch her — will und soll es hoch hergehen! Ja, du bist, und noch einmal zu unserem Glück, 'wir zwei', und auf diesem Fundament, gleich ob dazu auserwählt oder verurteilt, werden wir bis ans Ende unsere Luftschlösser bauen; bloß nichts Festes, nur nichts Massives. Bloß nicht den armen Planeten noch mehr vollbauen, totbauen! Aber Luftschlösser, die unseren: Die sind was anderes. Ein Durcheinander das? Ja, zurück mit uns ins Durcheinander. Und schreib dir das auf einen Zettel und nähe dir den ins Gewand, oder stecke ihn dir in den Arsch. Malstrom der Zählzeit, Karawanenstraße einer anderen Zeit. Salz gestreut ins Buch unserer beider, unser aller Leben!'

Und dann zeigte sich am Gesicht des Fremden im Spiegel doch mir Bekanntes, ja Vertrautes: im Bart, zwischen all den braunen, grauen und schon weißen, die zwei, drei Harare, die rot waren, und so geblieben waren, rot wie am ersten Tag, ein Rot mit einem Stich ins Hornissengelb, mir aus dem Spiegel entgegengereckt gleich Stacheln, gefährlichen, giftigen. Doch war das nur Schein: Mitsamt diesen gelbroten Bartspitzen, wie eigens für den Traum noch vermehrt, hatte ich vor mir nichts als ein Menschenkindgesicht.

Seite 90 - 93
Peter Handke
Mein Tag im anderen Land
Bibliothek Suhrkamp, 2021


Ich danke - den um elf Monaten jüngeren - Bruder der mir vor Jahrzehnten das erste Handke Buch schenkte, er wies mir den Lesepfad. Es gibt Leidenschaften auf Zeit, die kommen und gehen - ein Hoch auf die Liebe, die sich von Satz zu Satz erneuert, die mitten aller Wandlungen fühlbar ist, bleibt.