Zdeněk Adamec

11.03.2021

Peter Handke, Eine Szene

"In einer Frühlingsnacht einmal die Festbeleuchtung, die innere wie die äußere, des Hradschin oben, als in Prag eine Weltgipfelkonferen, Thema? vergessen, eröffnet wurde, Gastgeber der einheimische Staatspräsident"

"Ist das wahr?"

"Das ist wahr."

"In seinem Abschiedsbrief, gerichtet an die ganze Welt, nennt Zdeněk 'Geld' und 'Macht' die Erzfeinde der Menschheit, insbesondere in der Jetztzeit. Aber kann das jeder sagen? Sogar Bill Gates, oder wer, hat gesagt, er sähe es als eine Schande an, als Geldsack, oder etwas dergleichen, zu sterben. Was ist denn für ein Kreuzfahrertum, auf dem Banner nichts als Dunkelmänner- und Dunkelbubentum?'

"Wenn Zdeněk von Geld und Macht schreibt, will er etwas anderes sagen als 'Geld' oder 'Macht'."

"Was?"

"Etwas anderes."

"Übersetz das!"

"Es gibt dafür keine Übersetzung. Jedenfalls keine wörtliche. Du kannst sie nur fühlen, einzig und allein fühlen. Sowie du sie aber fühlst, dann weißt du. Und wie. Schon der Rhythmus, womit in Zdeněks Brief von der Macht und dem Geld die Redes ist, ist ein wesentlich anderer, von Grund auf verschieden von all den üblichen Sätzen und Syntaxen von Geld und Macht."

"Fehlt jetzt nur noch das De profundis. Fehlt nur, daß du sagst: Dieser Brief ist ein Psalm."

"Ja. Der Brief ist ein Psalm."

Seite 44, 45. Peter Handke, Zdeněk Adamec, Eine Szene, Suhrkamp Verlag, 2020



Zdeněk Adamec

Liebe Bewohner der ganzen Welt! Die Aktion namens "Fackel 2003" ist eine Fortsetzung der Proteste gegen das Böse, das auf der ganzen Welt verbreitet ist. Die erste Protestwelle begann mit Jan Palach, der sich um das Jahr 1968 in Brand setzte, um gegen das damalige kommunistische Regime zu protestieren. Bald darauf verbrannten sich Evžen Ploce, Jan Zajíc und andere Helden. Ihr findet sie auf der Website https://www.totalita.cz/ Doch selbst nach der Revolution am 17. November 1989 ist es nicht viel besser geworden. Sicherlich können wir nun frei verkünden, dass wir diesen oder jenen Politiker usw. nicht mögen, ohne dass uns Zwangsarbeit in einem Uranbergwerk droht. In den Schulen beginnt der Unterricht nicht mehr mit einem Foto von Lenin und niemand füttert unsere Kinder mit Propaganda usw. Aber leider sind auch andere Sachen aufgetaucht. Die sogenannte Demokratie, für die wir gekämpft haben, ist eigentlich keine Demokratie im wahren Sinne des Wortes. Es ist lediglich das Regieren von Beamten, Geld und anderen Mächtigen, die gewöhnliche Menschen mit Füßen treten. Die ganze Welt ist bereits von Geld dominiert und verdorben. Es ist noch nicht zu spät, um sie zu retten, aber wenn wir so weitermachen, werden wir alle entweder an der schmutzigen Luft ersticken oder in einem Krieg getötet werden. Vielleicht habt ihr in den Zeitung gelesen und gesehen, was heute im Fernsehen geschieht. Ein Mord jede Woche, auch in Schulen. Und wer ist schuld? Wir alle, ja, alle die untätig zusehen oder sich einreden, dass es sie nicht betrifft. Es ist ungefähr ein Jahr her, seit eine Schießerei in einer Schule stattgefunden hat. Niemand hat etwas dagegen unternommen. Wir setzen uns immer noch jeden Tag vor den Fernseher, eine satanische Erfindung, so nenne ich das. Wir gucken blutrünstige Filme, wir erlauben auch unseren Kindern sie anzuschauen (in vielen Familien werden Kinder eher vom Fernsehen als von Eltern erzogen). Was erwarten wir also? In Tom und Jerrys scheinbar unschuldigem Trickfilm steckt mehr Gewalt als in jedem anderen Film.


Wie wäre es mit ein bisschen Ökologie? Jede Sekunde geben wir Tonnen von Abfall in die Atmosphäre und die Flüsse ab und wir schauen nur zu. Autoabgase vergiften langsam die ganze Erde. Und was machen wir dagegen? Vielleicht mit dem Autofahren aufhören? Das eher nicht. Und warum haben zumindest nicht alle Autos Katalysatoren? Und wie lange hat es gedauert, die internationale Verordnung zum Verbot der Verwendung von FCKW durchzusetzen? Und warum Verbote? Brauchen wir einen Polizisten, der über uns wacht? Warum brauchen wir Gesetze? Kann nicht jeder selbst erkennen, was er darf und was nicht? Offensichtlich sind wir eine unreife Zivilisation und müssen noch viel lernen. Die Menschheit muss aus Fehlern lernen, aber das Problem ist, dass man einige Fehler nur einmal macht. Sind wir eine Zivilisation von Selbstmördern? Am ehesten passt das Motto "Jetzt sind wir dran und nach uns die Sintflut". In hundert Jahren werden wir in Gasmasken herumlaufen, wenn es so weitergeht. Mehr als 2 Milliarden* Menschen leben auf der Erde. Und jeder sägt am Ast des anderen. Die Zivilisation ist auf dem Weg der Selbstzerstörung. Habt ihr schon mal Mülldeponien in Amerika gesehen? Endlose Berge von Unflat. Und wir alle machen jeden Tag das Gleiche: Wir kommen von der Arbeit nach Hause und direkt zum Fernseher. Wenn ich das alles bedenke, muss ich sagen: Wenn sich die Menschheit nicht innerhalb weniger Jahrzehnte radikal verändert, wird diese Zivilisation im Dreck oder in Kriegen zugrunde gehen. Die ganze Menschheit wird von Satan beherrscht. Es ist wie aus einem Horrorfilm! Aber es ist eine Tatsache.


Und die Kriege? Ständige Tests von Atomwaffen, wir erfinden ständig neue Mittel, um uns gegenseitig zu töten. Die Menschen sollten sich vereinigen und nicht gegeneinander kämpfen.


Und wie sie sieht die Zukunft aus? Wahrscheinlich werden nach der großen Energiekrise, wenn das Öl ausgeht, mehrere Kriege um seine Restbestände ausbrechen. Die Situation ist schon eingetreten. Warum greifen die Amerikaner den Irak an? Fürchten sie einen zweiten Osama? Nein, das glauben nur Menschen, die von den Medien und der Regierung beeinflusst werden, es ist nur eine Ausrede. Der Irak hat Öl und die Amerikaner wollen es, das ist der Grund. Korea hat Atomwaffen, aber Amerika ist das egal. Und was wird als Nächstes passieren? Die meisten Menschen werden anfangen zu sterben, die Lebensqualität wird sinken, nur wenige Menschen werden in Palästen und modernen Häusern leben, alles auf Kosten der einfachen Leute. Das ist also unsere Zukunft, wir könnten sie ändern, aber wir tun nicht dafür. Diese Aktion werdet ihr auch einfach als eine Information wahrnehmen und euer normales Leben am nächsten Tag fortsetzen.


Wir sehen die zwischenmenschlichen Beziehungen aus? Schau dich um. Die Leute sind furchtbar zueinander. Ständige Gewalt, fast jede Woche ein Mord, Obdachlase überschwemmen die große Städte der Welt, viele von ihnen können nicht einmal etwas dafür. Drogenabhängige durchstreifen die Straßen, in den Ämtern wird bestochen, und was trägt entscheidend dazu bei? Wie wir unsere Kinder großziehen! Wir setzen sie vor den Fernseher und alles ist erledigt. Kein Wunder also, wenn Zehnjährige (letztes Jahr in Amerika) wie in brutalen Filmen morden. Was hilft es der Menschheit, dass niemand unsterblich ist, wenn er nach dem Tod durch noch schlimmere Menschen ersetzt wird. Mobbing ist in unseren Schulen bereits weit verbreitet. Jeder, der zu den Besseren gehören will, muss Drogen probieren. Fünfzehnjährige Kinder gehen direkt von der Schule in eine Kneipe, wo sie sich manchmal so betrinken, wie es selbst Erwachsene nicht tun würden. Drogen, Gewalt, Geld und Macht. Dies sind die Hauptslogans dieser Zivilisation. Und wenn du zufällig eine Problem hast, wenden sich alle gegen dich - wie ein Wespenschwarm. Es macht Menschen sehr glücklich, den Schmerz anderer zu betrachten. Es ist leicht, jemanden zu verletzen, aber es ist nicht einfach, jemandem zu helfen. Das macht Arbeit, und das wollen wir doch nicht, was hätten wir davon?


Ein guter Schritt in Richtung einer Lösung wäre die Schaffung einer totalen Demokratie.


Dies würde eine echte Herrschaft des Volkes gewährleisten. Wie würde das funktionieren? Die Regierung hätte begrenzte Rechte. Wenn sie ein Gesetz oder eine Verordnung verabschiedet, müssen diese zuerst genehmigt werden, aber nicht durch eine Handvoll Abgeordnete, sondern das ganze Volk würde abstimmen. Im Grunde wäre es wie Wahlen oder die Verabschiedung von Gesetzen durch Abgeordnete. Zum Beispiel, wenn Abgeordnete ein neues Gesetz verabschieden. Man drückt einfach den entsprechenden Knopf Ja oder Nein, und es wird gezählt, wofür die Mehrheit gestimmt hat (diese Aufgabe wurde bereits von Computern übernommen, es ist eine Frage von wenigen Sekunden). Etwas Ähnliches in der ganzen Republik einzuführen, wäre sicherlich kein großes Problem. Es würde ausreichen, einige Räume, die beispielsweise für Wahlen genutzt werden, für einen solchen Zweck zu verwenden. Jeder Wähler würde einfach die Ja- oder Nein-Taste drücken, ein Bediensteter seinen Namen aus seinem Personalausweis in der Datenbank speichern, damit ein Schlaumeier nicht auf die Idee kommt, mehrmals abzustimmen. Der Computer würde die Ergebnisse in wenigen Minuten auswerten. Wir kennen das von den Wahlen, aber es wäre fortwährend. Es wäre selbstverständlich, dass jeder Bürger gegen etwas protestieren ode beispielsweise ein neues Gesetz usw. vorschlagen könnte. Man würde sich an das Amt wenden, und nach seiner Genehmigung kommt es wie oben beschrieben zur Abstimmung. Dieses System hätte den Vorteil, dass die Politik im Land von allen abhängt und nicht von einigen hundert Menschen, denen Geld, Ruhm oder Macht am wichtigsten sind und die sich überhaupt nicht für Menschen interessieren. Es würde nicht mehr die Gefahr eines Atomkrieges geben, wenn ein paar amerikanische Machtmenschen druchdrehen, alles würde von der gesamten Menschheit abhängen. Aber wir wollen das nicht, jetzt geht es dir gut, diejenigen, denen es nicht gut geht, haben nichts zu sagen und niemand kümmert sich darum, was nach uns passieren wird.


Glücklicherweise funktioniert die totale Demokratie bereits teilweise. Leider nur auf Computern. Es gibt einige Gruppen von Tausenden von Programmierern auf der ganzen Welt, die ein völlig kostenloses System entwickeln, Linux - ein Programmpaket für einen Computer. Es ist ein vollwertiges Betriebssystem, die Leute entwickeln, es völlig freiwillig und wollen keine Gegenleistung. Es sieht vielversprechend aus, da die Programme im Laufe der Zeit komplexer werden und diejenigen, die von einer geschlossenen Gruppe von Menschen im Fall der kommerziellen Software) entwickelt werden, immer mehr Fehler enthalten - die Menschen, welche sie kaufen, können das Programm nicht einmal modifizieren, damit sie nicht gegen das Urheberrecht verstoßen. Eine geschlossene Gruppe vonen Menschen macht leicht Fehler als Tausende von Menschen auf der ganzen WElt. Da es sich hier nicht um eine Seite über Computer handelt, muss ich mit der Beschreibung enden. Wenn ihr jedoch Linux ausprobieren möchtet empfehle ich abiclinux.cz, linux.cz oder mandrake.cz1 (Linux Mandrake ist am besten für Anfänger). Ihr könnt CDs mit Linux auf der Webseite für etwa 400 CZK bestellen. Aber lasst uns von der virtuellen Realität in die Realität in die reale Welt wechseln. Die steht nämlich in Brand.


Was ich beschlossen habe und warum


Ich bin ein weiteres Opfer des sogenannten demokratisches Systems, in dem nicht Menschen entscheiden, sondern Geld und Macht. Mein ganzes Leben lang wurde ich mit Problemen konfrontiert, die ich wahrscheinlich nicht lösen konnte. Es gab zuviele davon. Ich kann nicht mehr. Andere machen sich nichts draus, niemand kümmert sich um irgendetwas. Es ist schrecklich. Die Menschen genießen das Leiden anderer. Alles kam in den Jahren 2002-2003 zu einem Ende, als mich sogar eine Terrororganisation dazu benutzte, eigene Webseiten zu erstellen (weil ich sie in (X) HTML oder PHP programmieren kann). Leider sind wie aber aus dem Schneider, sie hatten sich das schlau ausgedacht, denn sollte man nach ihnen fahnden, muss die Suche zwangsläufig in meinem Computer zu Hause enden. Ich weiß nicht, aber ich hatte das Gefühl, von etwas beherrscht zu werden, und als ich aufwachte, war es zu spät. Mein ganzes Leben war voller Misserfolge. Ich hatte mein ganzes Leben lang Probleme mit dieser Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht in diese Zeit gehöre. Als weiteres Opfer des Systems habe ich entschieden, dass mein Leiden für immer enden muss. Aber nicht irgendwo im stillen Kämmerlein, sondern in der Öffentlichkeit. Egal, ob Satan schuld ist oder die schlechten Zeiten - es spielt keine Rolle, ich möchte, dass jeder über sich selbst nachdenkt und versucht, das Böse zu lindern, das er jeden Tag tut. Und dafür gibt es nur einen Weg. Mehr über mich erfahrt ihr aus der Zeitung.


Bitte, macht keinen Irren aus mir!

Zdeněk Adamecs im Internet veröffentlichter Abschiedsbrief,
Übersetzung aus dem Tschechischen Natascha Drubek (Juli 2020)
veröffentlicht im Programmheft der Salzburger Festspiele 2020

Peter Handke
Zdeněk Adamec
Eine Szene

Dokumentation im Tschechischen Fernsehen über Zdeněk Adamec


Susanne Klingner "Warum tut einer so was?  2. August 2003, TAZ -  Exvolontärin der taz, studiert in Leipzig Journalismus. Ihr Beitrag ist auch in der Juli-Ausgabe des von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Magazins "Fluter" zu lesen. 




PS.: Die Theateruraufführung fand im Rahmen der Salzburger Festspiele 2020 statt und diese wiederum bewegte mich zu einem Ausflug nach Humpolec, der Geburtsstadt von Zdeněk Adamec. Augnerin