Balkonien 2026

April

Wechselhaftes Frühlingswetter, bei dem sich milde, sonnige Tage regelmäßig mit kühlen Regenschauern abwechselten, mit einigen Frostnächten. Zu Ostern war es windig, deshalb kein Osterfeuer. Symphonien in Grün rundum – während der Bahnfahrt zwischen Prag, Zeltweg und retour habe ich vorwiegend aus dem Fenster geschaut, um die verschiedenen Grüntöne einzuatmen. Mutter wird schnell müde, sie isst wenig, das Kartenspiel macht ihr Freude und Blumen. Für sie wieder einen Wiesenblumenstrauß gepflückt. Mutters enge Freundin Anna Füller starb Ende März im Alter von 89 Jahren. Mutters Pflegestufe wurde erhöht, ich unterstütze sie in ihrem Wunsch "in der eigenen Wohnung zu bleiben".
Online an dem Symposium »Demenz ist anders« zehn Tage teilgenommen. Bewegt hat mich das Buch von Alexandra Senfft »Schweigen tut weh«.  Prof. Helga Mitterbauer die als Vortragende bei einem Kongress in Prag teilnahm, wurde abends getroffen. Wir lernten uns vor mehr als 40 Jahren in Zell am See kennen, sie ging nach dem Studium nach Kanada und arbeitet jetzt in Brüssel.
Das Arbeitszimmer – nach Generalputz – wieder sommerlich getrimmt. Die Geranien kamen vom Winterquartier auf den Balkon, wurden in frische Erde umgetopft, ausgeputzt. Ein für Mitte April geplanter Termin in Wien wurde wegen des Demenz-Symposiums abgesagt. Während meines Aufenthalts in der Steiermark Ende April lese ich von Waldbränden in Österreich. In Zeltweg lässt die staubige, trockene Luft die Augen tränen.

März

Anfang März, zurück aus Zeltweg, auf dem Balkon gearbeitet. Erde zum Trocknen aus den Töpfen genommen. In Anzuchterde die Samen des letzten Jahres angesetzt. Den Oleander beschnitten, umgetopft. Der Rosenstock treibt kräftig aus. Das Taubenpaar hat wieder ihr Nest aus dem Vorjahr bezogen, brütet.
Einen weiteren Online-Kurs betreffend Demenz absolviert. Norbert Gstrein gelesen, des Weiteren Bücher über Demenz sowie Martin Pollack und Götz Aly. Die Lektüre von Nachrichten auf den Morgen beschränkt. Die Miete in der Prager Gartenstadt wurde im Nachhinein erhöht. Ein Teil der Gastherme musste ausgetauscht werden. Der Bruder in Bludenz geht im 65. Lebensjahr, nach 50 Arbeitsjahren, in Pension. Die Kriegszonen haben sich weltweit ausgeweitet, der russische Angriffskrieg in der Ukraine tritt medial in den Hintergrund. Ich lese morgens nach wie vor die Berichte der Freundinnen und Freunde aus der Ukraine.
Die letzte Märzwoche in Zeltweg bei der Mutter verbracht. Sie will kaum noch die Wohnung verlassen: „Ich vergesse alles, will nicht als Trottel wahrgenommen werden.“ Ein Besuch beim Neurologen bestätigte, dass ihre Demenz fortschreitet. Es tut mir weh, ihr langsames Hinweggleiten aus dem aktiven Leben anzunehmen. Verdrängen führt ins Jammertal, das begreife ich, mehr und mehr. Habe ihr wieder frische Blumenstöcke geschenkt und mit ihr stundenlang Karten gespielt, das entlockt ihr mitunter ein Lächeln. Ihr – vor Umstellung auf Sommerzeit – eine neue Wanduhr für die Küche gekauft.

Februar

Vernebelt, vereist, Regen, Schnee, Sturm – gezählt an drei Tagen zeigte sich die Sonne. Jedes Mal ein kleines Fest. Freundinnen und Freunde in der Ukraine frieren, Russland setzt den Krieg fort. Dank der Gespräche mit den Damen der Volkshilfe wird die Pflege der Mutter in Zeltweg intensiviert. Ende des Monats wieder eine Woche in Zeltweg. Noch erkennt sie mich. Sie traut sich nicht mehr allein die Straße zu queren, freut sich über Blumen, die Sonne auf ihrem Balkon, spielt noch gerne Karten. Gegen die gruselige Regierung in Tschechien gibt es landesweit Demonstrationen. Das Zitat von Václav Havel dient mir als Mantra: 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. 

Jänner

Fastend hineingegangen ins Jahr 2026. Die in den Himmel hinaufgeschossenen Kracher lassen mich intensiver an die Menschen in der Ukraine denken. Mir ist nicht zum Feiern zumute. Am Neujahrsmorgen ziehe ich mich warm an und wandere entlang der Gartenstadt in das immer kleiner werdende Naturschutzgebiet. Neubauten werden hochgezogen, einst freie Wege sind jetzt abgesperrt. Den Kopf freibekommen, den Körper durch die inwendig verankerte Energie spüren. Schrittweise von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Der dementen Mutter beiseite stehen, so gut es mir möglich ist. Vertraute Menschen besuchen, einen Reiseplan erstellen, der deren und meine Befindlichkeit einbezieht. Für zwei Wochen den Rucksack so packen, dass ich ihn auch für einen längeren Fußweg tragen kann. In der zweiten Woche fällt Schnee, dann Regen. Die Wege sind vereist: Wesentlich werden!