Gedicht an die Dauer

09.03.2021

Zwischen den Zeilen: das INNEWERDEN der LESENDEN

Notwendig dagegen, zu unterscheiden: Auch "des Augenblicks erstaunenserte Wunder, die sind es nicht, die das beglückende, das ruhig mächtige Dauernde erzeugen".  Seite 14

Der Ruck der Dauer,
er stimmt für sich schon ein Gedicht an,
gibt einen wortlosen Takt,
mit welchem,
befreiende Zutat,
in meinen Adern der Puls eines Epos schlägt,
worin das Gute am Ende doch siegen wird.

Mit der Handauflegegung der Dauer
schließt sich die Wunde,
welche mir erst bewußt wird,
indem sie sich schließt.

Der Anstoß der Dauer ist das,
was mir gefehlt hat.
Wer nie die Dauer erfuhr,
hat nicht gelebt.

Die Dauer entrückt nicht,
sie rückt mich zurecht.
Aus dem Scheinwerferlicht des Tagesgeschehens
flüchte ich entschlossen ins ungewisse Lager der Dauer.

Dauer ist der der Fall,
wenn ich an dem Kind,
welches kein Kind mehr ist
- vielleicht schon ein Greis -,
die Augen des Kindes wiederfinde.

Dauer ist nicht im unvergänglichen
vorzeitlichen Stein,
sondern im Zeitlichen,
Weichen.

Tränen der Dauern, allzu selten!,
Tränen der Freude.
Unzuverlässige, nicht zu erbittende,
nicht zu erbetende
Rucke der Dauer:
Ihr seid nun gefügt
zum Gedicht.

März 1986, Salzburg 
Seite 53-55
Peter Handke, Gedicht an die Dauer, Suhrkamp Verlag