Vršovice

Ein literarischer Spaziergang mit der Zeitschrift A2

Am Sonntag, 25. Oktober 2026 durch Schlamm bei Wind und Regen gewatet. Die Stimmung war gut, das lag an den launigen und informativen Vorträgen von Michal Špina und Jaroslav Rudiš ergänzt durch Lesungen über das Eisenbahnwesen speziell rund um den Bahnhof Vršovice, der einmal Nusle hieß.

Das historische Bahnhofsgebäude in Vršovice wurde während des letzten Jahrzehnts saniert, die Gleisanlagen, Bahnsteige und Unterführungen im Zuge der Modernisierung des Prager Eisenbahnknotens (Abschnitt Prag-Hostivař – Prag Hauptbahnhof) zwischen Juni 2018 und Oktober 2021 komplett erneuert. 

Der 4,5 Kilometer lange Spaziergang begann am Bahnhof Vršovice, danach fuhren wir mit einem der Regionalzüge der Tschechischen Eisenbahnen eine Station weiter nach Eden. Von dort ging es wandernd weiter, den Hügel hinauf zur Siedlung Sedmidomky, die 1928 als Armenviertel entstand. Einige der Häuser und die Wege herum werden gerade renoviert. Durch einen Waldweg ging es – mit einem Blick auf den Fuhrpark – durch den Schlamm einer Baustelle entlang der Bahntrasse zurück zum Bahnhofsgelände Vršovice,

Neu für mich war Michals Špinas Hinweis auf František und Jiří Langer. Die Brüder wuchsen in Vinohrady auf doch spielte Vršovice eine entscheidende Rolle in ihrem Leben. 
František Langer (1888 – 1965) war ein tschechischer Schriftsteller, Dramatiker, Literaturkritiker und Militärarzt. Bekannt wurde er vor allem durch seine Theaterstücke (wie Velbloud uchem jehly – Das Kamel geht durch das Nadelöhr und Peripherie), die auch international bekannt sind. Im Zweiten Weltkrieg ging er ins Exil nach Frankreich und Großbritannien, wo er als Brigadearzt der tschechoslowakischen Auslandsarmee wirkte. 
Jiří (Mordechaj) Langer (1894 - 1943) war Dichter, Publizist, Hebraist und Übersetzer. Aus einer assimilierten Familie stammend, zog er als junger Mann im Jahr 1913 in die chassidische Gemeinde ins galizische Belz. In Prag war er mit Franz Kafka befreundet, der mit ihm durch die Altstadt streifte.  Sein Buch Devět bran (Die neun Tore zu den Geheimnissen des Chassidismus) erzählt über die Welt des Chassidismus. Nach der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten gelang ihm 1939/1940 die Flucht über die Donau nach Palästina, wo er gesundheitlich schwer gezeichnet 1943 in Tel Aviv verstarb.

Wo die Toten sprechen

Während des literarischen Spaziergangs signierte Jaroslav Rudiš seinen in deutscher Sprache, 2026 Luchterhand Verlag, erschienen Roman »Wo die Toten sprechen«. Seit der ersten Begegnung während des Prager Schriftstellerfestivals im Jahre 2009, damals wurde seine Schwarz-Weiß-Comic-Trilogie Alois Nebel gemeinsam geschaffen mit dem Künstler Jaromír 99 (Jaromír Švejdík) präsentiert, lese ich alle seine Bücher, in tschechischer und deutscher Sprache. Sehr hilfreich im alltäglichen Leben seine Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen. Der mir liebste Roman »Winterbergs letzte Reise« (2018 Luchterhand, »Winterbergova poslední cesta«, übersetzt von Michaela Škultéty, 2021 Labyrint) erschien 2024 auch in der englischen Übersetzung von Kris Best – »Winterbergs' Last Journey« - Jantar Publishing.
Milena Findeis, Prag 26.10.2026